Ab-Art-Ensemble

Hans Henny Jahnn Hans Henny Jahnn

Manuel Kock, Film
Ab-Art-Ensemble:
Gesine van der Grinten, Mezzosopran
Hans-Joachim Heßler, Klavier
Ulrich Blomann, Bassklarinette, Saxophon
Tom Mega, Lesung

1993/94

»Unter den großen deutsch-sprachigen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist Hans Henny Jahnn (1894-1959) noch immer der unbekannteste. Sein sprachgewaltiger Roman Perrudja und die bildhaft-visionär wuchernde Romantrilogie Fluß ohne Ufer sind das deutsche Gegenstück zu Prousts, Joyces und Faulkners Romanen, die längst als Weltliteratur anerkannt sind. Und Jahnn war nicht nur Schriftsteller. Er ist als Baumeister, Orgelspezialist und Gründer einer Glaubensgemeinschaft, als Landwirt, Pferdezüchter und Hormonforscher hervorgetreten. Die letzten Jahre seines Lebens schließlich waren durch seinen bedingungslosen Kampf gegen die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik, durch seine Warnung vor der atomaren Bedrohung der Menschheit bestimmt. Alles, was Jahnn dachte, tat und schrieb, entsprang dem Bewusstsein von der Einheit der Schöpfung, der harmonikalen Ordnung. Er hat gegen seine Zeit gelebt und könnte, müsste gerade deshalb der Schriftsteller, der Zeuge unserer eigenen Bedrängnisse und der Agonie des Realen sein, die sich heute vollzieht« (Hoffmann & Campe).

Die Besetzung des Ensembles bietet ideale Möglichkeiten, Grenzüberschreitungen zu verwirklichen. Auf der einen Seite steht mit dem Saxophon ein Instrument, das sich in der Popularmusik etabliert hat. Auf der anderen Seite der klassische Gesang, der durch die experimentierfreudige Mezzosopranistin Gesine v.d. Grinten in hervorragender Weise besetzt ist. Das verbindende Element bilden die Tasten-Instrumente. Die eigenwillige Besetzung des Trios ermöglicht interessante, abwechselungsreiche und bisher ungehörte Klangfarben. Schon in seinem Gründungsjahr wurde das Ab-Art-Ensemble auf dem Krefelder Gang-Art-Festival für originäre Musik, Literatur und Kunst wegen seines eigenwilligen Umgangs mit den Texten von Hans Henny Jahnn mit einem Preis ausgezeichnet.

Klangbeispiel 1: Claude und der ungerade Takt
Klangbeispiel 2: S.L.Y.

Ab-Art-Orchester

Leverkusener Jazztage 1991 Particell da Requiem

von Ulrich Blomann

Gesine van der Grinten, Mezzosopran; Tom Mega, Gesang; Martin Fredebeul, Bassklarinette; Hans-Joachim Heßler, Klavier; Ulrich Blomann, Saxophon; Peter Eisold, Schlagzeug, Computer; Kai Struwe, Bass, Mirjam Hardenberg, Susanne Ostermann, Dirte Gläsel, Violoncello; R. Zeranski, M. Muellbauer, H.J. Heisenburger, Kontrabass; Kammerchor »cantico novo«
Leitung: Volker Buchloh

20.10.1991
12. Leverkusener Jazztage

Eine zuvor »unerhörte« Instrumentation mit Sopran-Solo (Belcanto), Kammerchor, elektronischem Instrumentarium, Computer und einer »klassischen« Jazzquartett-Besetzung, ergänzt durch sechs tiefe Streicher, einen Bassbläser und einen zusätzlichen Schlagzeuger, ergibt eine vitale und packende Musik, die Musik von Ab-Art, dem Particell da Requiem. Freie Improvisationen von Kammerchor und der Belcanto-Dame, klassisches Basssolo über einem Marsch-Rhythmus aus Schrottplatz-Geräuschen, opernhafte Chortutti, ins Chaos mündende Kollektivimprovisationen, zarte Duette, vitale Solisten, von computergesteuerter Elektronik bis zur Anleihe bei der Gregorianik reicht die Tonsprache...

Video

Trio Heßler/Werni/Wallmeier

Trio Heßler/Werni/Wallmeier Hans-Joachim Heßler:
Der Tanz auf dem Vulkan

2006

Hans-Joachim Heßler - Orgel, Klavier
Stefan Werni - Kontrabass, Virus-Synthesizer
Klaus Wallmeier - Schlagzeug

Das Werk »Der Tanz auf dem Vulkan« soll deutlich machen, dass intensive und tänzerische Musik auch heute noch zur Subversion in der Lage und als Politikum geeignet ist. Das Werk beginnt mit einem Jodler und einem sich daran anschließenden Ländler. Der Tanz auf dem Berg, wenn man so will. Zunächst gelangt hier pure Freude zum Ausdruck. Doch der Berg birgt Gefahren. Auch der Vulkan ist letztendlich ein Berg: ein Berg, in dessen Innern es brodelt; Jahrhunderte lang kann alles friedlich sein, bis es dann zum Ausbruch kommt. Dieses kann als Metapher für die musikalischen Ausbrüche verstanden werden, die sich an den Ländler anschließen. Zweimal zeigt sich im Verlaufe des Werkes der Flamenco. Dieser wohl feurigste unter den europäischen Volktänzen erklingt in einer schnellen, virtuosen Weise und in einer Elegie, dessen Thema der Kontrabass vorstellt. Dem Feurigen und Lebhaften des Flamenco wird im Sinne eines Totentanzes Camille Saint-Saëns' »Danse Macabre« gegenüber gestellt. Nicht zuletzt im »Tanz der Salomé«, der als Programm dieses vulkanischen Tanzteiles zu lesen ist, zeigt sich, dass selbst ihr makabres Spiel mit dem Haupt Johannes des Täufers noch eine erotische Komponente beinhaltet. Und wenn von Erotik die Rede ist, dann darf ein Tanz natürlich nicht fehlen: der Tango. Dieser mündet nach grellem Fortissimo in ein leises Schlagzeug-Solo. Daneben erklingen des Öfteren Passagen, die an die Aleatorik eines John Cage erinnern. Eine musikalische Reminiszenz an Thelonious Monk rundet das Werk ab.



FLAX-TRIO

Flax-Trio Das Flax-Trio formierte sich im Sommer 1987 mit dem Ziel, drei erfahrene Jazzmusiker zu einem neuen kammermusikalischen Konzept zusammen zu führen. Mit Lust werden Grenzen zwischen verschiedenen Musikstilen niedergerissen, diese — in Einzelteile zerlegt — aufgesogen und in völlig neuen Formen dem Hörer nahe gelegt. Ein wichtiger Anstoß war die Musik von Jimmy Guiffre. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Einflüssen aus der Afro-Amerikanischen Musiktradition, sowie der neueren europäischen Improvisationsmusik. Der Verzicht auf das herkömmliche Schlagzeug stellt den Spieler vor neue rhythmische Aufgaben, bietet aber auch die Möglichkeit zu differenziertem kammermusikalischem Soundgeflecht.



Orgel und Schlagzeug

Kaleidoskop #1 Hans-Joachim Heßler:
Kaleidoskop #1

1999

Hans-Joachim Heßler, Orgel
Hans-Jürgen Kanty, Schlagzeug

»Das [...] vorgestellte Stück [Kaleidoskop #1] lebt zum großen Teil von der Improvisation der beiden Musiker, die bestens harmonierten. [...] Wenn man die Mittel der Klangerzeugung bei Joachim Heßler als ungewöhnlich beschreibt, dann bleibt für das Spiel Hans-Jürgen Kantys nur noch das Adjektiv ›abgedreht‹ übrig. [...] Dabei wirkte die volle Hingabe etwa bei seinen Vokal-Improvisationen oder seine Version eines natürlichen Leslie-Effektes (ein etwa ein Meter langer Schlauch, durch den er sang, während er das andere Ende schnell kreisförmig durch die Luft wirbelte) teilweise sehr erheiternd und die [...] Besucher konnten sich oft ein Lächeln nicht verkneifen. Auf der rein technischen Seite waren beide Musiker über jeden Zweifel und jedes Lächeln erhaben. Wer die furiosen [...] Hochgeschwindigkeits-Soli [...] mitverfolgte, dem wurde schnell klar, dass man es hier mit zwei excellenten Musikern zu tun hatte« (Dorstener Zeitung vom 11.10.99).

»Joachim Heßlers ›Kaleidoskop #1‹ [...] konfrontierte [...] wagemutige Zuhörer mit Klangexperimenten, die bisweilen die Frage aufkommen ließen, ob das Vorgetragene den Bereich der Musik nicht schon verlassen hatte. Offenbar geht Joachim Heßler aber davon aus, dass Musik der ›Postmoderne‹ sich neben eklektisch zusammengefügten, freien Zitaten anderer Stile, Gattungen, Werke oder Komponisten auch mit Komponenten verbinden kann oder muss, die nicht zur traditionellen Musiksprache gehören: Vor allem der ›Perkussionspart‹ der Komposition mit ›singenden Schläuchen‹, allerlei scheppernden, schwingenden und klirrenden Gerätschaften [...] sorgte für Aufmerksamkeit, bisweilen auch für ungläubiges Lächeln. [...] Das beste Heilmittel gegen unsere Lust, Kunst definieren zu wollen, ist — das hat die Musik dieses Abends [...] gezeigt — scheinbar die Kunst selbst: Sie entzieht sich bekannten Kategorien, bricht immer wieder Gewohnheiten auf und verhilft denen, die es sich auf dem Ruhekissen ihres Geschmacks allzu bequem gemacht haben, zu einem Neubeginn« (Borkener Zeitung vom 12.10.99).

Konzertmitschnitt als CD erhältlich.



Aus Lust, den Bogen zu spannen

Aus Lust, den Bogen zu spannen Ein Zyklus von fünf Kompositionen mit sechs Klangspielen zu sieben Pendeln

von Rüdiger Beckemeier

1990

mit Hans-Joachim Heßler, Klavier

Der Komponist Rüdiger Beckemeier über seinen Zyklus Aus Lust, den Bogen zu spannen:
»III. Teil [...] – ein sehr angespannter, komplexer, polyphoner Satz, der zwischen Bedrängtheit und beherztem Sich-Aufrichten schwankt. Der Mittelteil ist ein Scherzo mit clownesken und grotesken Zügen.

IV. Teil [...] – eine Naturidylle. Der Sommerwind (Flöte) wirft in einem kleinen See Wellen auf (Marimbaphon), in denen bricht sich das Licht (Gitarre). Häufig aber verselbstständigt sich das musikalische Geschehen und folgt spontan anderen Assoziationen. Der Mittelteil ist hier Ausdruck purer Lebensfreude.«



Heßler/Werni

Heßler und Werni Der Pianist Hans-Joachim Heßler und der Kontrabassist Stefan Werni lernten sich bereits im Kindergarten kennen. Dort spielten sie zusammen mit Bauklötzchen und Lego-Steinen. Ihre ersten Real-Book-Sessions veranstalteten sie zunächst im Party-Keller der Eltern, bevor sie dann in der Recklinghäuser Altstadtschmiede im Alter von etwa 17 Jahren zum ersten Mal gemeinsam auftraten. Etwa 12 Jahre später, am 28.6.1997, entstand im Rahmen des Jazzfestivals der Universität Dortmund der Live-Mitschnitt eines Konzertes im Fritz-Henßler-Haus, der unter dem Titel Continuum contra Punctum als CD bei NonEM-Records erhältlich ist. Stefan Werni studierte Kontrabass an der Musikhochschule zu Köln. Er avancierte zu einem der bedeutendsten deutschen Jazz-Bassisten.

Continuum contra Punctum: Karl-Heinz Stockhausen schreibt im Vorwort zu seinem Werk Kontra-Punkte: »Die ›Kontra-Punkte‹ [...] sind aus der Vorstellung entstanden, daß in einer vielfältigen Klangwelt mit individuellen Tönen und Zeitverhältnissen die Gegensätze so gelöst werden sollen, dass ein Zustand erreicht wird, in dem nur noch ein Einheitliches [...] hörbar ist«. Continuum contra Punctum knüpft an das Stockhausen'sche Werk an, um mit einer ähnlichen kompositionstechnischen Umsetzung zu zeigen, dass der Zustand des Einheitlichen nicht nur nicht zu erreichen ist, sondern erst gar nicht angestrebt werden sollte. Im Gegensatz zu Stockhausen setzt Heßler der punktuellen Organisation von Violine, Kontrabass und Klavier eine kontinuierliche Organisation des Marimbaphons entgegen. Das Marimbaphon versucht den Zustand des Einheitlichen zu erhalten, doch das »Continuum« wird brüchig und verschwindet schließlich ganz. Übrig bleiben die »Punkte«, die im Widerstreit zwischen »Continuum« und »Punctum« überlegen sind, da nur sie Ereignis sein können und in diesem Sinne in der Lage sind den Geist zu überwältigen. Das »Continuum« dagegen wird schnell vom Geist erfasst und durchschaut, es kann keine Innovationen freisetzen und scheitert. Im Mittelteil liefert ein großes Marimbaphon-Solo die Essenz des Widerstreites zwischen »Continuum« und »Punctum«.

Tonregelsystem 189: Der Titel dieser Komposition ist frei nach dem terminologischem System des französischen Philosophen Jean-François Lyotard gebildet. Ein Tonregelsystem wäre demnach ein Regelwerk für eine 189taktige Diskursart. Dieses »Tonregelsystem« bedient sich der Töne aus dem »Tonuniversum«, in dem alles Hörbare abgelegt ist. Die Töne wurden vom Komponisten zu vier Diskursarten zusammengesetzt, die im Widerstreit zueinander stehen. Die Diskursarten stehen inkommensurabel nebeneinander und aktualisieren sich unvorhersehbar bzw. nicht im voraus hörbar und in diesem Sinne ereignishaft. Lediglich am Ende der Komposition treffen sich die verschiedenen Diskursarten, aber auch nur deshalb, weil der Komponist in dem ständigen Dilemma steckt, daß seine Kompositionen nicht unentwegt fortdauern können. Die weitere Aktualisierung der Diskurse kann nicht fortwährend, sondern immer erst in der folgenden Komposition stattfinden.



Heßler, Werni & Jendreiko

Heßler, Werni & Jendreiko D.A. - Microelectronic and Mechanical Movements

2007

Hans-Joachim Heßler - Orgel, diverse Perkussionsinstrumente
Stefan Werni - Virus Redback, Virus TI und Yamaha DX7 Synthesizer, 1/4 Violoncello
Christian Jendreiko - Virus Indigo Synthesizer, Hohner SG 57 E-Gitarre

Die Initialen »D« und »A« aus dem Titel symbolisieren das Digitale und das Analoge. Stehen das Analoge und das Digitale als das Warme, Organische und das Kalte, Anorganische, oft in einem antithetischen Verhältnis zueinander, so wird hier beides in der Synthese vereint. Insbesondere die Kirchenorgel als rein mechanisches Instrument verkörpert die analoge Seite. Hinzu kommen diverse Schlaginstrumente und ein Kindercello. Drei Virus-Synthesizer und ein Yamaha DX-7 gelangen im Sinne einer digitalen Klangerzeugung zum Einsatz. Dabei zeigt sich, dass die Orgel oftmals wie ein Synthesizer und der Synthesizer wie ein mechanisches Musikinstrument erklingt. Digitales und Analoges wird ununterscheidbar. Das Digitale mutiert, wie zu allen Zeiten bereits das Analoge, zur Körperprothese der Musiker, zu einem organischen Instrument. In Varèses Pionierwerk »Poème Électronique« aus dem Jahre 1958 gelangt ebenfalls eine Kirchenorgel zum Einsatz. Diese wird mit den elektronischen Klängen der damaligen Zeit konfrontiert. Indem Varèse die Orgel elektrisch verfremdet, gelingt ihm bereits Ende der 1950er Jahre eine Synthese des Mechanischen und des Elektronischen. Heute sind es keine Röhren usw. wie zu Varèses Zeiten mehr, sondern Mikrochips, die die Klänge erzeugen. »D.A.« will das Varèse’sche Experiment mit den heutigen Mitteln der Mikro-Elektronik weiter vorantreiben. Hierauf deutet der Untertitel »Microelectronic and Mechanical Movements«. Zusätzlich werden weitere analog-digitale Barrieren beseitigt: Fungiert das Cello als Grenzgänger zwischen zwei Welten, indem es als analoges Instrument durch einen Virus-Synthesizer digitalisiert wird, so überwindet die E-Gitarre die Gräben zwischen dem Mechanischen, dem Elektrischen und - in der ebenfalls digitalen Klangsynthese durch den Synthesizer - dem Elektronischen.